Freitag, 1. Juli 2016

Rezension: "Alles, was ich sehe" von Marci Lyn Curtis + GEWINNSPIEL

REZENSIONSEXEMPLAR zur Verfügung gestellt vom Carlsen-Verlag



Autor: Marci Lyn Curtis
Originaltitel: The One Thing
Deutscher Titel: Alles, was ich sehe
Verlag: Königskinder
Format: Gebunden
Seitenzahl: 432
Preis: 18,99€
Bewertung: 5 von 5 Sternen

Um was geht es?
Maggie hasst ihr neues Leben als Blinde. Sie will keine tapfere Kranke sein, und auf Unterricht von anderen Blinden kann sie gut verzichten. Nach einem missglückten Streich passiert es: Sie kann wieder sehen! Nur einen Ausschnitt der Welt, genauer: einen zehnjährigen Jungen namens Ben. Mit Hilfe des altklugen und hinreißenden Jungen scheint sie einen Teil ihres alten Lebens zurückzubekommen. Und Bens großer Bruder Mason ist Sänger in Maggies Lieblingsband. Und ziemlich attraktiv. Doch er lässt sie abblitzen, weil er denkt, dass Maggie ihre Blindheit vortäuscht – was ja irgendwie stimmt. Dann kommt heraus, warum sie ausgerechnet Ben sehen kann. 

Meine Meinung: 
Dieses Buch ist emotional wirklich kein leichter Stoff. Ich liebe und verachte solche Bücher immer zugleich, denn sie bereichern einen unheimlich, aber mich machen sie auch immer ein Stück weit fertig und ich brauche eine Weile, um mich davon zu erholen.

Die Geschichte wird aus der Sicht der siebzehnjährigen Maggie erzählt, die vor sechs Monaten in Folge einer Hirnhautentzündung erblindet ist. Gleich zu Anfang wird man von Maggies ausgeprägtem Sarkamus und Humor begrüßt, der dem Buch etwas Leichtes, gleichzeitig aber etwas unheimlich Tiefes gibt. Denn trotz allem Sarkasmus merkt man, welche Verletzlichkeit hinter ihren Worten steckt und wie sehr sie ihre Behinderung in Wirklichkeit mitnimmt. Man beginnt darüber nachzugrübeln, wie es wäre, würde man selber sein Augenlicht plötzlich verlieren. Ich denke, es ist ein Unterschied, ob man schon von Geburt an blind ist oder plötzlich im Laufe des Lebens blind wird. Das Buch hat mich gelehrt, das beides schwer ist, aber ein Mensch, der vorher sehen konnte, hat mehr zu kämpfen. Denn sein ganzes Leben ändert sich von jetzt auf gleich. Er wird nie wieder in den Genuss kommen, als die schönen Dinge zu sehen, die er vorher sehen konnte. Er kann nun nur noch über andere Sinne wahrnehmen. Ich glaube, für mich persönlich wäre es tatsächlich das Schlimmste, ausgerechnet diesen Sinn zu verlieren, aber das ist schwer zu sagen. 

Dann lernt Maggie plötzlich Ben kennen. Ein zehnjähriger Junge, der ebenfalls eine Behinderung hat. Er kann seine Beine nicht benutzen. Allerdings geht er damit vollkommen anders um als Maggie. Er strahlt trotzdem so eine wunderbare Lebensfreude aus, dass sie ansteckend ist und man schließt ihn vom ersten Moment an ins Herz. Man möchte ihn einfach nur nehmen und durchknuddeln. Im Grunde verbindet ihn mit Maggie ein ähnlich schlimmes Schicksal, aber die beiden könnten nicht unterschiedlicher damit umgehen. Während Maggie versucht, alles mit Sarkasmus zu überspielen, nimmt Ben die Dinge so wie sie kommen.

Im Laufe der Geschichte macht man sich Gedanken darüber, dass man seinen gesunden Körper besser zu schätzen wissen und ihm öfter etwas Gutes tun sollte. Man nimmt alles viel zu sehr als selbstverständlich hin. Erst, wenn es plötzlich nicht mehr da ist, weiß man, was man hatte.
Ich finde, Behinderungen sind immer ein schwieriges Thema. Denn auch in der heutigen Gesellschaft wissen viele nicht, wie sie damit umgehen sollen. Und ich bin da ganz ehrlich und reihe mich ein. Ich möchte jeden Menschen normal behandeln, egal, ob er geistig oder körperlich behindert ist oder gesund. Aber ich habe Angst davor, dass das als ignorant aufgefasst wird. Bin ich wiederum zu hilfsbereit, habe ich Angst, dass sie denken, ich sehe sie als Krüppel. Ich finde, dieses Thema wird in der Öffentlichkeit ungefähr genauso wenig behandelt wie der Tod. Alles, was unangenehm ist, wird umschifft. Aber dieses Buch greift es gut auf (beide Themen, im übrigen), was es für mich ein wenig leichter macht, Menschen mit einer Behinderung zu verstehen. Natürlich, verallgemeinern kann man diese Sichtweise nicht, denn wie man auch im Buch feststellen kann, ist jeder Mensch anders und geht, wie oben erwähnt, mit gewissen Dingen anders um.

Auch ein wichtiges Thema ist die Freundschaft. Die Geschichte macht auf deren Wert aufmerksam, dass sie aus Geben und Nehmen und Füreinanderdasein besteht. Und darauf, dass es wichtig ist, dass man nicht alles wegwirft, wenn es mal schwierig wird, sondern, dass man dem anderen erklären sollte wie man sich fühlt. Dass es wichtig ist, zu verzeihen. Dass man auch mal den ersten Schritt machen muss und die Fehler nicht immer nur bei den anderen suchen sollte. Jeder macht Fehler und die meisten kann man verzeihen, aber man sollte sich auch seine eigenen eingestehen können.

Das Buch liest sich sehr schnell. Ich habe es innerhalb weniger Stunden in einem Rutsch durchgelesen, weil ich es einfach nicht aus der Hand legen konnte. Etwa bei der Hälfte gibt es eine unerwartete Wendung, die mich so schockiert hat, weil das das letzte war, womit ich gerechnet habe. Und spätestens ab da hatte ich richtig zu knabbern. Nicht, weil die Geschichte schlechter wurde, nein, die blieb auf gleichem Niveau gut, sondern weil ich mit meinen Gefühlen nicht zurechtkam. Die letzten 50 Seiten habe ich nur noch geheult. Aus verschiedenen Gründen, aber darauf möchte ich nicht zu genau eingehen, weil ich sonst zu viel verraten würde.

Wie gesagt, das Buch ist emotional kein leichter Stoff, aber wirklich ein unheimlicher Schatz. Ich bin dankbar, dass ich dieses Buch lesen durfte und es somit Teil meines Lebens wurde. Und ich bin sicher, dass es mich auch wieder ein Stück weit zu dem Menschen macht, der ich bin. Denn solche Geschichten prägen und entwickeln einen. 

Ich kann es nur jedem empfehlen, der Bücher mag, die zum Nachdenken anregen. Aber vergesst die Taschentücher nicht!

Und eben weil ich so begeistert bin und weil der Carlsen-Verlag mir versehentlich zwei Exemplare geschickt hat, verlose ich das zweite in Absprache mit dem Verlag auf meinem Instagram-Account @LisaLiebtLesen_ und auf meinem gleichnamigen Twitteraccount. Schaut doch dort mal vorbei, um etwas über die Teilnahmebedingungen zu erfahren!

Viel Glück und ein schönes Wochenende,


eure Lisa

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen