Sonntag, 25. September 2016

Emeto-was? Über Angst und Depressionen

Hallo ihr Lieben!

Ich habe lange, sehr lange, überlegt, über dieses Thema zu schreiben. Es ist sehr persönlich und begleitet mich nun schon mein ganzes Leben lang.

ZUR INFO: Ich verfasse diesen Post NICHT, um Mitleid zu erregen. Mir geht es um Himmels Willen soweit gut! Ich möchte hiermit ein wenig aufklären, aber auch all jenen Mut machen, die vielleicht Ähnliches erleben oder erlebt haben.

Ich leide seit ich denken kann schon unter Emetophobie. Ich mag diese Formulierung nicht, denn "leiden" ist nicht immer der richtige Begriff dafür. Richtig schlimm geworden ist es vor fast 10 Jahren. Seitdem hat sich so ziemlich alles in meinem Leben plötzlich geändert.

Emetophobie - was ist das?

Emetophobie ist die Angst vor dem Erbrechen. Ihr denkt jetzt vielleicht "hä? Wer übergibt sich denn schon gerne?". Ja, so denken in der Tat viele. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen "nicht mögen" und "höllische Panik haben".
Angst vor dem Erbrechen kann viele Seiten haben. Zum einen gibt es Leute, die nur Angst davor haben, andere erbrechen zu sehen/hören, egal ob Mensch oder Tier. "Fremdkotzangst" wird das unter den "Emos" genannt (so nennen wir Emetophobiker uns der Kürze halber). Dann gibt es wiederum solche, die nur Angst davor haben, selber zu erbrechen. Und dann gibt es noch die, die vor beidem Angst haben. Ich gehöre zu letzterer Kategorie, was es nicht unbedingt einfacher macht. 

Wie äußert sich Emetophobie?

Ihr kennt sicher viele andere Phobien. Um es nicht bei den Fachbegriffen zu nennen, damit es jeder versteht, ein paar ganz einfache, sehr bekannte und sehr häufig auftretende Beispiele: Höhenangst, Platzangst, Angst vor Spinnen. Viele von euch haben vielleicht selber mit der ein oder anderen gerade genannten Phobie zu tun. Und wie äußert sich diese? Genau. Atemnot, Zittern, Herzrasen, Schweißausbrüche, eiskalte Hände, man bricht in Tränen aus. Beispielweise bei Höhen oder Spinnen kann es dazu kommen, dass man sich vor lauter Angst nicht mehr vom Fleck bewegen kann. Im schlimmsten Fall kommt es zum Hyperventilieren. Denn man nimmt vor lauter Angst in viel zu kurzer Zeit viel zu viel Sauerstoff auf, dadurch macht der Kreislauf schlapp.
All das sind klassische Symptome einer Phobie. Und genau diese treten auch bei einer Emetophobie auf.

Emetophobiker meiden außerdem oftmals Plätze, an denen es dazu kommen kann, dass sich jemand erbricht oder man selbst erbrechen muss. So z.B. Partys, Freizeitparks, Krankenhäuser, öffentliche Toiletten. Außerdem werden bestimmte Lebensmittel oder ähnliches vermieden, wie schwer Verdauliches, Alkohol, Drogen. Auch wird äußerst penibel darauf geachtet, dass man sich nicht mit Magen-Darm-Viren ansteckt. Natürlich lässt sich das nicht immer vermeiden (musste die Erfahrung leider auch schon machen), aber so etwas kann auch zu Zwangsstörungen führen, wie dass man sich dauernd die Hände waschen/desinfizieren muss/will. Auch wird oft vermieden, mit anderen Auto zu fahren, denn es könnte einem ja übel werden. (Für den Fall, dass Philip von BookWalk das gerade liest, wird ihm vermutlich einiges klar)

Woher kommt sowas?

Bei mir persönlich weiß ich bis heute nicht wirklich, was die Ursache dafür war. Aber es muss irgendein einschneidendes Erlebnis in frühester Kindheit gewesen sein, denn ich habe es, wie bereits erwähnt, seit ich denken kann. Früher wusste ich allerdings nichts damit anzufangen und hielt es für normal, immer völlig auszuflippen, sobald ich in solchen Situationen war. Später hielt ich mich selber für verrückt. Aber man muss sich eins klarmachen: Man ist auf keinen Fall verrückt! Natürlich ist das kein "Normalzustand", aber das ändert ja nichts an dem Menschen, der man ist. Man geht halt nur mit solchen Situationen anders um als Leute, die nicht darunter leiden.
Emetophobie kann viele Ursachen haben. Entscheidend ist hierbei auch, WOVOR GENAU man Angst hat. Hat man Angst davor, beim Erbrechen zu ersticken? Hat man Angst davor, sich zu blamieren? Daraus lässt sich dann auch oft die Ursache ableiten. Die Ursache kann aber auch so verstrickt und verwurzelt sein, dass es jetzt hier zu sehr in die Psychologie gehen würde. Und da ich nur aus eigenen Erfahrungen sprechen kann und kein Profi bin, überlasse ich die genaue Beantwortung der Frage auch gerne eben diesen.

Was kann man dagegen tun?

Zunächst mal ist die Frage, belastet einen die Phobie im Alltag? Oder kann ich ganz normal leben und habe nur selten Probleme damit, weil ich wenig mit Erbrechen konfrontiert werde?

Um diese Frage zu beantworten, werde ich ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern und meine persönliche Geschichte erzählen. Und nur so nebenbei: Ich sitze gerade mit kalten Händen hier und tippe, weil ich wirklich Angst vor eurer Reaktion auf das Ganze hier habe.

Angefangen hat alles im Jahr 2007. Am 1. Mai 2007, um genau zu sein. Warum ich das so genau weiß? Weil ich in unserem Dorf die "Tanz in den Mai"-Veranstaltung besucht habe und mir am nächsten Tag so übel war, dass es gefühlt nie wieder weggegangen ist. Und nein, das lag nicht an Alkohol. Ich weiß bis heute nicht, was genau der Grund war.
Jedenfalls hatte ich ja immer schon Angst davor, nur nie so extrem, dass es mein Leben beeinflusst hat. Ab da allerdings schon. Denn mir war immer so extrem übel, dass ich das Gefühl hatte, mich übergeben zu müssen (musste ich im Übrigen nie). Das führte dazu, dass ich vor lauter Übelkeit und Angst nichts mehr gegessen habe. Maximal ein paar Kekse oder Zwieback. Alles, was ich sehr gerne mochte (das sind nunmal Süßigkeiten) oder was leicht verdaulich war. Und das über Wochen. Schnell hatte ich einiges an Gewicht verloren. Mein Tiefpunkt waren 39kg. Ihr könnt euch in etwa vorstellen, wie ich bei einer Größe von 1,65m ausgehen habe. Ich war nur noch Haut und Knochen. Hinzu kam, dass ich damals die Schule gewechselt habe. Ich bin vom Gymnasium auf die Realschule gegangen, kam in eine eingeschworene Klasse und wurde nicht akzeptiert. Und dementsprechend - wer ahnt es? - wurde ich gemobbt. Das hat nicht gerade dazu beigetragen, dass mir weniger schlecht war. Irgendwann war es so schlimm, dass ich nicht mehr zur Schule gehen wollte. Das hat mir viel Ärger mit meiner Mama eingebracht, denn sie dachte, ich will schwänzen. Ich habe niemandem erzählt, wie schlecht es mir in der Schule ging, nur, dass mir dauernd übel war. Die extreme Gewichtsabnahme ließ viele vermuten, dass ich unter Magersucht litt. Aber ich WOLLTE ja essen. Ich WOLLTE zunehmen. Ich habe mich damals vor mir selber geekelt. Vor meinen Knochen, die überall rauskamen. Es war grausam. Irgendwann war ich so fix und fertig mit der Welt, dass sich langsam aber sicher Depressionen angeschlichen hatten. Still und heimlich, wie sie nunmal kommen. Ich lag nur noch im Bett, habe vor lauter Verzweiflung nur noch geweint, habe, wie schon gesagt, nichts mehr gegessen, bin, wenn überhaupt, nur noch vor die Tür gegangen, wenn ich vorher einen Pfefferminztee getrunken hatte (mir hätte ja sonst schlecht werden können!). Ich fühlte mich total missverstanden, alle haben mir falsche Sachen unterstellt, jeder hat seine eigenen Schlüsse gezogen, aber niemand hat mich angehört. Ich wurde in zwei Krankenhäusern auf körperliche Ursachen für meine Übelkeit untersucht. Beim ersten Mal hat man Bakterien in meinem Magen festgestellt. "Helicobacter Pylori" nennen sich die Biester. Mit einer Tripletherapie wurde dagegen vorgegangen. Zwei verschiedene Antibiotika in Kombination mit einem "Magenschutz" musste ich einnehmen. Witzigerweise schlug mir das Ganze wieder auf den Magen. 
In Krankenhaus Nr. 2 wurde alles getestet. Nerven, Blut, Organe, einfach alles. Nichts wurde gefunden. Fazit des Krankehauses: Magersucht. Ich war VERDAMMT NOCHMAL NICHT magersüchtig! Man wollte mich in eine Klinik einweisen, die (glücklicherweise) keinen Platz mehr frei hatte.

Irgendwann, so lächerlich das klingt, habe ich "Angst vor dem Erbrechen" bei Google eingegeben. Ich wollte einfach nur wissen, ob ich langsam verrückt werde, ob ich alleine damit bin, ob ich gestört bin. Und siehe da, ich stieß auf das Forum von Emetophobie.de. Dort wurden EXAKT meine Symptome beschrieben und mir wurde richtig leicht ums Herz. Ich war nicht alleine! Ich war nicht verrückt! Ich begann, mir alle möglichen Beiträge durchzulesen, selber zu schreiben und mir die Antworten durchzulesen. Ich wurde verstanden. Ich fühlte mich endlich gut aufgehoben. Das machte mir Mut. Und so suchte ich das Gespräch mit meinen Eltern und teile ihnen meinen Entschluss mit, dass ich eine Therapie machen möchte. Und zwar nicht, um meine "Magersucht" zu behandeln, sondern meine Emetophobie und Depressionen, die ja leider damit einhergegangen waren. Denn alleine kam ich aus diesem tiefen, dunklen Loch einfach nicht mehr heraus. 
Im Übrigen führte das Ganze auch dazu, dass ich die Schule abgebrochen habe und mit 15 mit einem Hauptschulabschluss nach Klasse 9 dastand. Herrliche Sache. Natürlich kann man keinem Arbeitgeber erzählen, wieso es dazu kommt, dass man mit 15 die Schule abbricht. Die Wahrheit würde sie denken lassen, dass man sich nicht im Griff hat und eine Lüge würde es auch nicht besser machen. Aber die Angelegenheiten habe ich irgendwann zum Glück auch geregelt bekommen. Wenn ihr wissen wollt, wie, erzähle ich das gerne auch noch, aber da dieser Eintrag sowieso schon sehr lang wird, wie mir scheint, will ich hier jetzt nicht auch noch ins Detail gehen.

Und so kommen wir dann auch endlich zur Beantwortung der Frage: 

Therapiemöglichkeiten
   
Es gibt diverse Therapieformen. Zum einen gibt es die, die ich als erstes ausprobiert habe: 

Die Verhaltenstherapie - Man versucht quasi, sich durch Konfrontation an Situationen, die mit Erbrechen zu tun haben, zu "gewöhnen". So, dass es irgendwann so normal wird, dass man versteht, dass man keine Angst davor haben muss. Diese Form der Therapie war leider überhaupt nichts für mich. Denn inzwischen habe ich für mich erkannt: Diese Phobie ist ein Teil von mir. Ich akzeptiere das. Ich möchte es nur besser im Griff haben, ich glaube aber nicht daran, dass es ganz weggehen wird. Es wird immer ein Teil von mir bleiben und das ist okay. Natürlich habe ich bei einer Panikattacke immer wieder das Bedürfnis, einfach tot umzufallen (was jetzt sehr makaber klingt), aber im Allgemeinen habe ich die Tatsache akzeptiert, dass diese Phobie halt eben einfach da ist. Ich muss auch dazu sagen, dass ich früher jeden Tag bzw. jede Nacht mindestens eine Panikattacke hatte. Mittlerweile habe ich diese glücklichweise nur noch ganz selten, weil ich das Ganze relativ gut im Griff habe. Aber ich schweife ab.

Die Psychoanalyse - Man versucht durch verschiedenen Methoden herauszufinden, welche Ursache die Phobie hat. Zum einen passiert das durch viel, viel Reden. Man muss sich öffnen. Komplett. Dazu benötigt man unheimliches Vertrauen zum Therapeuten. Ich liebe meine Therapeutin. Sie war super und hat mir so sehr geholfen! Mittlerweile mache ich die Therapie nicht mehr, da ich bei einer Kinder- und Jugendtherapeutin war, die einen nur bis zum 21. Lebensjahr behandeln darf. Allerdings kann ich hin und wieder noch zu ihr kommen, wenn ich das Bedürfnis habe. Sie hatte noch ein paar andere Methoden auf Lager, leider weiß ich nicht mehr, wie die heißen, aber am meisten hat mir wirklich das Reden geholfen. Mit einem unabhängigen Menschen über all das reden, was mich belastet. Mich im wahrsten Sinne "auskotzen", so haben wir das immer genannt, weil es irgendwie so schön selbstironisch war.

Hypnosetherapie - Habe ich selber nie ausprobiert, daher kann ich da nicht viel zu sagen. Allerdings würde ich das gerne mal, um halt eben herauszufinden, woher das Ganze kommt. Aber man kann dadurch ganz schön zurückgeworfen werden, und da es mir gerade wirklich gut geht, lasse ich lieber die Finger davon.

Sicher gibt es noch andere Formen der Therapie, aber das sind die einzigen mir bekannten.

Wie gehe ich als Außenstehender damit um?

Ganz wichtig: Habt Verständnis! Wenn ein Emetophobiker nicht mit euch feiern möchte, nicht mit euch Auto fahren möchte, dann bitte, bitte nehmt das nicht persönlich! Das hat absolut nichts mit euch zu tun!
Und dann: Redet! Hört euch an, wie die Person behandelt werden möchte, wenn sie eine Panikattacke hat. Denn da ist jeder Mensch individuell. Der eine möchte in den Arm genommen werde, der andere möchte alleine sein. Ich persönlich habe meinem Freund das ein oder andere Mal schon beinahe die Hand gebrochen. Aber in den Arm genommen werden möchte ich dann überhaupt nicht.

So. Puh. Durchatmen. Ich hoffe, ich habe nichts Wichtiges vergessen. Ich hoffe, ihr versteht mich. Ich hoffe, ihr haltet mich jetzt nicht für das, was ich früher von mir gedacht habe. Wenn ihr Fragen habt, nur zu. Ich gebe mir Mühe alles zu beantworten. Aber bitte seid lieb. Ich habe wirklich ein bisschen Angst vor eurer Reaktion und ich fühle mich gerade ein bisschen nackt.

Bis ganz bald!
Eure Lisa
     

Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben! Als jemand der eine Angststörung und auch Erfahrung mit Sozialphobie und Depression hat konnte ich bei vielen Sätzen zustimmend nicken und ich kann dich gut verstehen. Auch das Problem der "Außenwelt" mit diesen Krankheiten kenne ich nur zu gut. Auf meinem Blog schreibe ich auch hin und wieder über meine Probleme, du kannst gerne mal reinschauen. :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für deinen Kommentar :)
      Es ist immer gut zu wissen, dass es Leute gibt, die einen verstehen. Genug andere können es nicht.
      Hab dir auch 'nem Kommentar hinterlassen, aber das hast du bestimmt schon gesehen :)
      Liebe Grüße

      Löschen
  2. Hallo Lisa,

    Hut ab vor deinem Mut dich hier so zu öffnen. Ich selbst kann weder bei dem Thema Phobien, noch Depressionen wirklich mitsprechen, aber ich finde es wirklich, wirklich mutig von dir, hier darüber zu schreiben!

    Alles Liebe
    Jasmin

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Jasmin,

      ich danke dir :*

      Liebe Grüße,
      Lisa

      Löschen
  3. Ich finde es total stark und mutig von dir, deine Geschichte zu teilen. Ich denke, dass du vielen Menschen damit helfen kannst und wirst, die sich in derselben Situation befinden, wie du damals als du nicht wusstest, was los mit dir ist.
    Ich selbst wusste nicht mal, dass es so eine Phobie gibt.
    Ich wünsche dir alles Gute :*

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Katharina,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Das ist genau das, was ich mir von diesem Post erhofft habe. Anderen Mut zu machen und auch auf diese Phobie aufmerksam zu machen, gerade, weil sie oft fälschlicherweise als Magersucht angesehen wird.

      Vielen Dank und liebe Grüße!
      Lisa

      Löschen